Seegras als Rohstoff
Seegras ist die klassische Stopfwolle der Küste und wurde für Polstermöbel, Matratzen und Kissen verarbeitet.
Ebenso kam es als Dämmmaterial für Wände zum Einsatz, sogar Dächer wurden damit gedeckt. Weit verbreitet war es, eine Lage auf den First von Reetdächern zu legen. Auf der Kattegatinsel Läsö in Dänemark gibt es 200 Jahre alte Häuser, die komplett mit Seegras eingedeckt sind.
Es sind folgende Eigenschaften, die Seegras sowohl im Vergleich zu Naturrohstoffen als auch industriellen Produkten konkurrenzfähig machen. Seegras:
- schimmelt nicht
- wird von Milben und anderem Ungeziefer gemieden
- hält ewig und verrottet nur schlecht
- ist komprimierbar ohne zu brechen
- isoliert gut
- nimmt Feuchtigkeit auf
- brennt schwer (Brandstoffklasse B2)
- wird ohne chemische Zusätze aufbereitet
Auch als Substrat und Dünger wurde Seegras/Treibsel im Acker- und Gemüsebau verwendet. Analysen zeigen eine verbesserte Bodenhygiene, stärkeres Wurzelwachstum und höhere Erträge.
Vom Mittelmmer kennt man folgende Verwendungen:
„An der Westküste von Anatolien ist Seegrastee ein traditionelles Mittel gegen Diabetes und Bluthochdruck, eine Anwendungsweise, die von modernen wissenschaftlichen Studien unterstützt wird. In Italien wurde im 16ten Jahrhundert Tuberkulosepatienten geraten, auf Seegrasmatratzen zu schlafen, während die Blätter im alten Ägypten benutzt wurden, um Halsschmerzen und andere Entzündungen zu heilen. Jahrhunderte lang verpackten die Venezianer ihr wertvolles Glas für den Transport in Seegras.“ (Auszug aus James Bridle „The memory of the ocean“ in „Mediterranean Icebergs“, Verlag Kyklada, Athen, eigene Übersetzung.)
In der Summe erfüllt Seegras also in besonderer Weise die Anforderungen an einen gesunden, nachhaltigen und vielfach einsetzbaren Rohstoff, der wohl in der gesamten Menschheitsgeschichte genutzt wurde, nur zwischen 1960 und 2010 nicht, als der Mensch dachte, die Natur ersetzen zu können. Diese Zeit liegt hinter uns. Heute erfährt Seegras als Rohstoff eine Renaisance, den wir schonend ernten können – und auch dürfen.
Wer hingegen glaubt, Seegras im industriellen Maßstab verwerten zu können, wird nicht glücklich werden, weil:
– der Zugang zu Stränden mit Fahrzeugen einer Ausnahmegenehmigung bedarf.
– das meiste Seegras am Strand zu stark verwirkt ist mit Tangen.
– man an die meisten Strände gar nicht herankommt.
– und weil der Anwurf von Seegras unplanbar ist.