Konzept für den Bau von Steinriffen in der Schlei
Kristian Dittmann, Kappeln, November 2025
Zusammenfassung
Indem man Steinriffe in der Schlei bauen würde, könnte man helfen, den ökologischen Zustand des Gewässers zu verbessern. Das würde Effekte nicht nur für Anwohner und Fischer haben, sondern könnte auch den Tourismus stärken. Die Umsetzung wäre unproblematisch und könnte kurzfristig angegangen werden.
1. Der ökologische Zustand der Schlei
Bis 1900 war die Schlei weitgehend in einem natürlichen Zustand. Seit 1945 und mit der massenhaften Verbreitung von Kunstdüngern, Waschmitteln und Giftstoffen (Anitfoulinganstriche von Booten, Unkrautvernichtungsmittel, Antibiotika aus der Tierhaltung, Plastikmüll) hat er sich kontinuierlich verschlechtert.
2015 erzählte mir ein älterer Mann folgende Geschichte:“ Ich bin in Grimsnis (bei Kappeln) aufgewachsen. Nach dem Krieg haben wir junge Burschen uns Brillen aus Fensterglas und Kitt gebaut und sind in die Schlei getaucht. Der Boden war sandig und steinig, es wuchs Blasentang so groß wie Büsche, Seegraswiesen, Miesmuscheln und dazwischen ein großes Gewuhsel aus Schnecken, Muscheln, Krebsen und Fisch.“
Heute soll der Schleiboden zu 90% mit durchschnittlich 30cm dickem Schlick bedeckt sein. Seegraswiesen, die ursprünglich bis Lindaunis vorkamen (Richtung Schleswig ist der Salzgehalt zu gering), wachsen heute nur noch vereinzelt im Mündungsgebiet, Blasentang findet man überwiegend als verkrüppelte Kleinpflanzen, Muscheln kommen meist nur im Uferbereich vor. Schlick bedeutet allgemein eine Reduzierung der Artenvielfalt durch schlechtere Lebensbedingungen. Denn zum einen bietet der weiche Schlick kaum Anwuchsmöglichkeiten, zum zweiten mangelt es an Sauerstoff, den alle nichtpflanzlichen Organismen brauchen.
Man könnte auch sagen, die Schlei ist auf dem Weg zu einem Moor, weil organischer Eintrag nicht abgebaut wird, sondern sich unter Sauerstoffabschluss ablagert und aufschichtet. Man könnte zurecht behaupten, dass dadurch Kohlenstoff gebunden wird, was den Klimawandel verzögert, man könnte sogar sagen, dass die Schlei in ein paar Millionen Jahren ein Kohleabbaugebiet sein wird.
Dabei nimmt aber schon jetzt die Artenvielfalt dramatisch ab, sodass ein ehemals hochproduktives und ausdifferenziertes Biotop Stück für Stück verödet. Dadurch werden nicht zuletzt alle menschlichen Aktivitäten von Baden bis Fischerei ebenfalls eingeschränkt. Zitat einer Kappelerin (51):“ Zum Baden sind wir schon in den 70er Jahren immer an die Ostsee gefahren.“
Der aktuelle Bericht des Landesamtes für Landwirtschaft und ländliche Räume (LLUR) zum ökologischen Zustand gibt der Schlei – nach Schulnoten – eine vier bis fünf. In der Schule ist dann die Versetzung gefährdet, für die Schlei bedeutet das eine akute Gefahr für das ökologische Überleben.
2. Steinriffe
Die Ostsee erstreckt sich über zwei geologische Platten: Südlich einer gedachten Linie von Skagen (Nordjütland) bis zur Küste der Baltischen Staaten ist sie sandig, nördlich davon überwiegend felsig. Alle Ausführungen dieses Konzeptes beziehen sich auf den sandigen Bereich, der allgemein auch als westliche und südliche Ostsee bezeichnet wird.
Bis ca. 1830 lagen auf dem zumeist flachen, sandigen Meeresboden infolge der Eiszeit weitverbreitet Steine bis zur Größe von Findlingen, die in den folgenden 150 Jahren (bis 1970 und bis es sich nicht mehr lohnte) geborgen und als Befestigungen für Hafenanlagen genutzt wurden. Dabei setzte man Taucher von Arbeitsschiffen aus ein, die die Ladegeschirre unter Wasser anbrachten. So wurden in allen Tiefen, die die Taucher erreichen konnten, Steine „geerntet“, ausgenommen nur die Uferbereiche, die zu flach für den Tiefgang der Schiffe waren. Ein zusätzlicher Effekt war dabei, dass die Schleppnetzfischer ausgedehntere Bereiche befischen konnten, weil ihre Netze nicht mehr an den Steinen zerrissen. Dieser Prozess fand ebenso in der Schlei statt.
Die ökologische Bedeutung von Steinen unter Wasser
Grob gesprochen, kann man folgendes sagen: Ein Stein an Land ist ein Stein, ein Stein im Wasser ist ein Biotop. Miesmuscheln ebenso wie Großalgen (Tange) brauchen Steine, um sich mit ihren Byssusfäden, bzw. Haftscheiben zu verankern. Auf sandigen Böden hingegen ist Seegras mit seinen Wurzeln im Vorteil. Diese drei – Miesmuschelbänke, Tangwälder und Seegraswiesen – sind die wesentlichen Unterwasserbiotope der Ostsee und Schlei. Miesmuschelbänken fällt dabei die Funktion der Wasserreinigung zu – eine Miesmuschel kann rund 10 Liter Wasser pro Tag filtrieren – während Tange und Seegras Photosynthese betreiben und dadurch den Wasserkörper mit Sauerstoff versorgen. Zusammen sorgen sie für die beständige Auffrischung (Selbstreinigungskraft) des Wassers und bilden Lebensgrundlage und Schutz für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Ein Schleifischer erzählte mir vor kurzem, dass Kleinfische ohne Steinriffe kaum Schutz vor jagenden Kormoranen finden. So kann man Steinriffe auch als „Fischhotel“ in Anlehnung an den mittlerweile weit verbreiteten Begriff „Bienenhotel“ bezeichnen.
Nicht zuletzt wir Schleianwohner sind abhängig von der Vielfalt unter Wasser, ob unmittelbar als Fischer, Fischesser oder Schleigenießer oder mittelbar als Ferienvermieter, Handwerker, Supermarktangestellter. Stirbt die Schlei, stirbt auch unsere Lebensgrundlage. Schon jetzt vermiesen faulige Gerüche und Schaumteppiche die Freude an der Schlei, der Aal muss durch teure Besatzmaßnahmen „am Leben gehalten“ werden, Plastik ist Teil des Schilfsaumes.
Waren Steine früher vor allem als strömungsresistente Anwachsfläche von Bedeutung, haben sie heute noch einen zusätzlichen Effekt: Weil nämlich die Lebensbedingungen direkt über dem verschlickten Meeresboden am dürftigsten sind, bewirken Steine – noch besser Findlinge – eine vertikale Zonierung hin zum Licht, hin zum Sauerstoff.
Riffe allgemein
Riffe weltweit, egal, ob sie auf Steinen oder Korallen basieren, sind Quellen biologischen Reichtums. Während das freie Wasser ähnlich dünn besiedelt ist wie Wüste, bilden Riffe Oasen, wo sich „das Leben abspielt“. Und von wo das Leben ausschwärmt. Bestes Beispiel sind Jungfische, die erst ab einer gewissen Größe ins Freiwasser schwimmen, wo sie dann erträglich befischt werden können.
Unscharf ist der Begriff „künstliche Riffe“, weil nicht unterschieden wird, ob ein Schiff, Betonelemente und ähnliches versenkt wird – z.B. als Attraktion in Tauchrevieren – ob also künstliche Stoffe im Meer verbracht werden, oder ob, wie in unserem Fall, nur der natürliche Zustand wiederhergestellt wird. Letzteres ist ökologisch unbedenklich, sollte einfacher genehmigt werden und lässt sich schlicht auch als „Steinfischerei rückwärts“ bezeichnen.
Der Begriff „Steinriff“ ist ebenso uneindeutig, weil die Steine früher nicht aufgeschichtet sondern verstreut am Boden lagen. Indem wir Steinriffe als pyramidenartige Gebilde mit abgeflachter Spitze denken, helfen wir, den ökologischen Nutzen zu erhöhen.
3. Wo können Steinriffe gebaut werden?
Vorweg Gedanken zum Management des Great Barrier Reefs, Australien
2004 war ich als Journalist am Great Barrier Reef in Australien und erhielt ausführliche Informationen über Zustand und Bewirtschaftung des größten Riffes der Welt, das in etwa die gleiche Ausdehnung wie die Ostsee hat. Durch Analysen hatte man herausgefunden, dass der Tourismus erheblich mehr Einnahmen erbrachte als Fischerei und Landwirtschaft zusammen. Man wurde sich des Wertes bewusst, der ungleich höher war, als gedacht. Gleichzeitig war man alarmiert, weil sich der Zustand durch menschlichen Einfluss stark verschlechterte. Ähnlich wie bei uns lag es vor allem an dem Eintrag landwirtschaftlicher Abwässer, hinzukamen unkontrollierte Freizeitaktivitäten, Überfischung, etc.
Die größte Gefahr stellte zwar die Überhitzung der Gewässer durch den Klimawandel dar, den man vor Ort nicht bremsen konnte und der zu der bekannten Korallenbleiche führt. Dennoch machte man sich daran, einen Managementplan für das Riff zu entwickeln. Dafür wurden alle betroffenen Gruppen mit ins Boot geholt und das Gebiet in fünf Zonen eingeteilt, in denen der Mensch unterschiedlich aktiv sein darf. Diese reichen von strickt gesperrten Gebieten, die ökologisch besonders wertvoll sind, bis hin zu ausgewiesenen Bereichen für Fischerei, Erholung (Zelt- und Parkplätze, Restaurants, etc.) und Wassersport (Angeln, Segeln, Surfen, Wasserskifahren, Schnorcheln, Tauchen). Die Gebiete wurden durch Bojen markiert und in Seekarten, die jeder bei Ankunft in die Hand gedrückt bekam, verzeichnet. Zudem kontrollierten Ranger, zu deutsch Riffhüter, die Einhaltung der Grenzen. Wer sich nicht an die Regeln hielt, musste mit Busgeldern rechnen.
Weil von Anfang an alle mit ins Boot geholt worden waren, entwickelte das System eine hohe Akzeptanz und wurde als vorbildlich gepriesen – allein, es hat nicht viel gebracht, weil das immer wärmer werdende Wasser alle schützenden Maßnahmen zunichte machte.
Die Schlei ist heute ein formell stark geschütztes Gewässer, praktisch jedoch hat sich zu ihrem Schutz bisher viel zu wenig getan. Dem australischen Vorbild folgend, sollten wir die Schlei ebenso zonieren, um Fischern, Wassersportlern und allen anderen die Nutzung zu ermöglichen, umgekehrt aber auch Zonen einrichten, in denen die Natur tatsächlich Vorrang hat.
Steinriffe in der Schlei
Der Bau von Steinriffen darf keine Nachteile haben. Damit fallen folgende Bereiche aus:
1. Die Bundeswasserstraße von Schleimünde bis Schleswig
Natürlich darf es nicht dazu kommen, dass ein Schiff innerhalb des Tonnenstrichs gegen ein Steinriff fährt. Hinzukommt jedoch, dass das Fahrwasser immer wieder ausgebaggert wird, was durch Steinriffe behindert würde. Nicht zuletzt stünde ein Genehmigungsverfahren hier unter einem schwachen Stern.
2. Befahrbare Wasserflächen außerhalb des Fahrwassers
Egal, ob Nebenerwerbsfischer, Angler oder Jollensegler, es darf nicht passieren, dass diese wegen eines Steinriffes havarieren. Ebenso sollte mit den Fischern der Schlei in enger Abstimmung entschieden werden, wo Steinriffe den Fang stören könnten.
Damit verbleiben als mögliche Standorte all jene Bereiche, die:
– so tief sind, dass ein Riff zwei Meter unterhalb aller Tiefgänge von Fahrzeugen gebaut werden kann, um auch bei extremem Niedrigwasser keine Gefahr darzustellen. Eine solche Stelle befindet sich z.B. im Kappelner Stadtgebiet gegenüber des Museumshafens vor dem Schwansener Ufer (Loitmark). Hier verläuft außerhalb des Fahrwassers und dicht vorm Ufer eine rund 10m tiefe Rinne. Ein einen Meter hohes Steinriff würde hier niemanden behindern. Allerdings gibt es nur wenige solcher Stellen in der Schlei.
– zwar flach, aber wegen anderer Steine/Findlinge schon jetzt mit einem Kreuz in der Seekarte gekennzeichnet sind. Um diese „Ankersteine“ herum könnte man Steinriffe aufschichten. Solche Standorte findet man an zahlreichen Stellen, beispielsweise vor Königstein, Sundsacker, Lüttfeld oder Kopperby, um nur die mir bekannten zu nennen. Wer hier aufläuft, hat die Regeln guter Seemannschaft vernachlässigt, woran sich auch mit Riffen rechtlich nichts ändern würde. Der Vorteil dieser Standorte liegt also entscheidend darin, dass keine Berichtigungen der Seekarten vonnöten wären.
– schon jetzt kaum befahren werden und für den Verkehr gesperrt werden könnten, wie der Kirchengrund in Arnis zwischen der Katamaranwerft und dem Badestrand (vor der Strandhalle). Hier ist es steinig und flach und für Boote sowieso ungeeignet. Gleiches gilt abseits des Geschehens in Buchten und Nooren, wie dem Grödersbyer Noor, dessen Enge zur Schlei nur von Paddlern durchfahren werden kann.
In der weiteren Betrachtung beschränken wir uns auf die Flachwasserbereiche von Punkt zwei und drei.
4. Wie könnten Steinriffe aussehen?
Streng der Natur folgend, bräuchte man die Steine einfach nur flächig zu verteilen, mit etwas Menschenwitz lassen sich sowohl das Verfahren, als auch der Nutzen jedoch erheblich verbessern. Nimmt man den Aal als Beispiel – aber auch Garnelen oder Jungfische allgemein – so weiß man, dass sie sich gern in Zwischenräume zurückziehen, um sich zu verstecken oder auf Nahrung zu lauern. Eine flächige Verteilung böte also nur Hartsubstrat, auf dem Muscheln und Tange siedeln könnten, aber keinen Schutz.
Um eine Dreidimensionalität aufzubauen, gleichzeitig aber auch Stabilität z.B. gegen Strömung zu erzielen, bietet sich die Form eines flachen, oben stumpfen Kegels an. Man könnte auch sagen, eine runde Pyramide ohne Spitze. So etwas lässt sich leicht im flachen Wasser bauen, indem man – wie bei der Umrandung eines Lagerfeuers – mit einem Ring beginnt, den man nach und nach füllt. Wenn man einen Findling als Ausgangsstein nimmt, hat man es noch leichter, weil man einfach drumherum aufschichtet.
Je kleiner die Steine, umso kleiner die Zwischenräume und umso größer die Gefahr, dass sie einfach im Schlick verschwinden. Je größer die Steine, umso schwieriger wird jedoch ihre Handhabung. Bei ersten Versuchen hat sich gezeigt, dass Steine von der Größe eines Hand- oder Fußballs 10 bis 20 Kilo wiegen, damit auch per Hand zu tragen sind und recht große Zwischenräume bieten.
Sichtbare Hindernisse sind leichter zu orten und sicherlich auch leichter zu genehmigen, weswegen es von Vorteil sein könnte, die Steinriffe so hoch zu schichten, dass sie – auch bei Hochwasser – sichtbar sind. Das hätte den zusätzlichen Vorteil, dass Wasservögel auf ihnen sitzen könnten. Zudem wären sie vom Ufer aus beobachtbar.
Eine weitere Variante, die ungleich effektiver, jedoch schwieriger zu genehmigen wäre, ist folgende: Nimmt man ein Baustahlgitter, wie es im Betonbau Verwendung findet und fügt man es zu einem flachen, breiten Zylinder zusammen, so hat man einen definierten Körper, in den man von oben nur die Steine hineinzulegen braucht. Dadurch würde man mit wesentlich weniger Aufwand ein klar umgrenztes „Fischhotel“ bauen können. Wichtig wäre dabei, alle freien Enden so zu verdrehen, dass sich kein Tier oder Mensch dran verletzen könnte. Würde man sodann diese Zylinder so bauen, dass sie auch bei sehr hohem Wasserstand aus dem Wasserkörper herausragen und würde man diese mit einer Oberfläche aus Holz belegen, würde man zusätzliche Brutstätten für Wasservögel schaffen.
Solche Überwasserhabitate böten zudem Beobachtern einen interessanten Hingucker. Nachteil wäre, dass die Genehmigung zum Einbringen der Stahlgitter sicherlich komplizierter wäre als reine Steinhaufen. Zudem müssten sie jährlich gewartet werden.
Gegenargument: Eisen ist ein natürlicher Bestandteil der Natur, wird auch für Spuntwände eingesetzt und bedeutet keine Verunreinigung des Wasserkörpers. Plus: Die Wartung könnten freiwillige „Riffranger“ übernehmen.
5. Wie soll die Umsetzung aussehen?
Die Umsetzung sollte sowohl von der formellen als auch von der praktischen Seite her in zwei Phasen laufen:
In der ersten Phase sollten exemplarisch ein paar Standorte für Steinriffe ausgesucht werden, die formal unkritisch und leicht zu bestücken sind (Nähe zum Ufer, begehbar bei Niedrigwasser). Wenn man hier gleich die drei verschiedenen Möglichkeiten, lose eingestreute Steine, platte Ringpyramiden und Stahlgitter-Zylinder ausprobieren würde, könnte man weitreichende Erfahrungen sammeln, welche Methode am besten geeignet ist.
Mögliche Standorte wären der erwähnte Kirchgrund vor der Strandhalle in Arnis, die von Molen eingefasste Wasserfläche am Strand, das Grödersbyer Noor und das Flach vor der Ost-Spitze von Arnis Richtung Kappeln.
Diese erste Phase sollte biologisch begleitet werden, um zu ermitteln, ob die Steinriffe überhaupt was bringen. Darüber hinaus wäre es sicherlich nicht schwer, das NDR-Fernsehen zu begeistern, drüber zu berichten. Nicht zuletzt wäre es wünschenswert, die Steinriffe durch Infotafeln in Sichtweite am Ufer zu erklären.
Sollte die erste Phase von Erfolg gekrönt sein, könnte man das Projekt in der zweiten Phase auf weitere Standorte in der Schlei ausdehnen. Dann würde es nicht mehr darum gehen, mit ein paar Freiwilligen Dutzende Steine zu schleppen, sondern z.B. den Ostseedienst mit dessen Arbeitsschiffen zu beauftragen. Denn eines ist auch klar: Für eine wirkliche Verbesserung des ökologischen Zustandes der Schlei bräuchte man mehr als nur ein paar Steinriffe.
6. Wer soll die Arbeit machen?
Bei ersten Versuchen vor der eigenen Haustür, der Bucht gegenüber des Museumshafens von Kappeln, hat sich gezeigt, dass es anfangs ausreicht, bei Weststurm und entsprechendem Niedrigwasser alle Steine, die rund um einen Findling liegen, an dessen Flanken zu stapeln. Dabei reichte es, die Steine bis auf Höhe der Wachstumsgrenze von Blasentang am Findling zu legen. Diese Wachstumsgrenze liegt geschätzt ein paar Zentimeter unterhalb von Normalnull. Dieser Findling, der im Flachen vor dem Schilfsaum am Wasserwerk liegt, ist in der Seekarte verzeichnet, bei den Fischern bekannt und für Wassersportler weithin sichtbar. Die Arbeit lässt sich also im ersten Schritt von engagierten Schleibewohnern bei Niedrigwasser zu Fuß in Gummistiefeln bewerkstelligen.
Sobald Geld zur Verfügung steht, bzw. in der zweiten Projektphase, wäre es sicher möglich, die Schleifischer davon zu überzeugen, mitzumachen, da es am Ende ja sie wären, die von der Wiederbelebung der Schlei am direktesten profitierten. Mit ihren Booten, die robust sind und wenig Tiefgang haben, könnte man Steine, die man mit Genehmigung der Bauern von den Feldrändern holen würde, an den ausgewählten Stellen verbringen. Der Ostseedienst in Kappeln könnte zudem mit seinem schweren Geschirr auch größere Steine/Findlinge versenken.
7. Und wer soll das bezahlen?
Es gibt die LAG AktivRegion Schlei-Ostsee e.V, die Mittel aus dem europäischen Fischereifond vergibt und sicher noch andere Töpfe.
8. Kritische Auseinandersetzung
Es ist möglich, aber wenig wahrscheinlich, dass die Steinriffe nichts bringen. Dies wäre jedoch weniger ein Zeichen dafür, dass die Idee verkehrt ist, als vielmehr, dass die Schlei so belastet ist, dass selbst verbesserte Lebensbedingungen nichts bringen. Wenn z.B. die Algenblüte so stark wäre, dass sie sich wie ein Leichentuch über alles legt, was wächst, hätten auch die Pflanzen und Miesmuscheln auf den erhöhten Steinen keine Chance. Eigene Beobachtungen zeigen jedoch, dass Tange und Miesmuscheln schon jetzt wachsen, wo sie nur Halt finden.
Weiterhin zeigen Versuche weltweit, dass – egal welches Biotop – das Leben sich überall dort sammelt, wo Riffe angelegt werden, und seien es versenkte Schiffe oder Flugzeuge.
Im Gegenteil: Sollte das Projekt korrekt umgesetzt werden, gibt es keine wirklichen Gründe, die dagegen sprechen. Alles, was derzeit fehlt, ist eine Genehmigung.
9. Abschlussbemerkung
Indem wir die Steine zurück in die Schlei bringen, renaturieren wir das Biotop und helfen, sie zu klären, den Sauerstoffgehalt zu steigern, die Vielfalt zu erhöhen und damit auch, die Erträge der Fischer zu mehren sowie den Erholungswert des Naturparks attraktiver zu machen. Dieses Projekt allein wird der Schlei jedoch nur unzureichend helfen.
Weitere Maßnahmen wie:
• das Anpflanzen von Seegraswiesen in der Schleimündung („Sea-Store“),
• die Reduzierung landwirtschaftlicher Einträge,
• der Ersatz chemischer Antifoulings oder
• die Vermeidung von Plastikmüll
sind vonnöten, wenn wir die Schlei bei ihrer ökologischen Genesung unterstützen wollen.
Wenn wir hingegen weitermachen wie bisher, steht zu befürchten, dass der nächste Bericht des Landesumweltministeriums zum Zustand der Schlei eine sechs ausweist. Das wäre das Ende der Fischerei, das Ende des Tourismus und keiner würde mehr sagen:“ Mensch, habt ihr das schön hier.“
Quellen
Steinriffe: www.nordic-market.de/gutachten-felsbrocken-bereichern-steinriff-im-schutzgebiet-adlergrund
Künstliche Riffe in der Ostsee: www.wikipedia.org/wiki/Riff_Nienhagen
Anpflanzen von Seegraswiesen: www.deutsche-kuestenforschung.de/seastore.html
Ökozustand der Schlei: www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/M/meeresschutz/Downloads/schleiBericht.pdf?__blob=publicationFile&v=1
https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/K/kuestengewaesser/Downloads/vortrag12_2018.pdf?__blob=publicationFile&v=1
Müll in der Schlei: www.meerart.de/unterwegs-mit-dem-muellfischer/
Kristian Dittmann
Ich bin in Laboe an der Kieler Förde aufgewachsen, habe Meeresbiologie in Hamburg studiert, 12 Jahre als freier Journalist (Segeln, Meeresbiologie) gearbeitet und betreibe seit 2013 die Strand-Manufaktur, einen Betrieb zur Herstellung von Seegraskissen. Seit 2016 lebe ich in Kappeln, 2016 habe ich das Projekt „Die Müllfischer der Schlei“ gegründet, 2020 jedoch wieder eingestellt. 2022 haben wir mit dem Projekt „Steinriffe und Muschelgärten für die Schlei“ begonnen.
Nebenbei halte ich Vorträge über den Nutzen von Seegras als Stopfwolle und Dünger und führe Strandwanderungen entlang der Steilküste von Schönhagen/Ostsee.