am Strand: Seegrasdeiche
(Eigentlich müssten sie „Treibseldeiche“ heißen, der Begriff ist jedoch zu sperrig.)
Dies ist ein Vorschlag für eine Verbesserung des Küstenschutzes an der Ostsee. Er verbindet Sicherheit vor Überschwemmungen mit geringen Kosten, ist einfach umsetzbar und ökologisch sinnvoll. Geschrieben unter den Eindrücken des Oktobersturms 2023.
Vorab:
Küstengemeinden geben jedes Jahr viel Geld aus, um ihre Strände für die Badegäste von Seegras und Algen (allgemein: Treibsel) zu säubern. Dieses Treibsel wird kostenintensiv abgefahren.
Stattdessen kann man das Treibsel aber auch am Strand dafür nutzen, Seegrasdeiche aufzubauen, um die Küste vor Hochwasser zu schützen. Auf diese Art würde man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Grundsätzlich muss bei Hochwasser zwischen zwei Effekten unterschieden werden: Der Gefahr der Zerstörung an Luv-Küsten durch Wellengewalt, Beispiel Damp, und dem Volllaufen von Infrastruktur durch den reinen Wasserstand wie in Arnis.
Und noch ein Unterschied sollte nicht übersehen werden: So dramatisch Sturmfluten an der Nordseeküste sein können, durch die Ebbe nimmt der Druck zweimal am Tag ab. In diesen Stunden können sich die vollgesogenen Deiche wieder setzen, können Schäden provisorisch behoben werden. Demgegenüber haben Oststürme an der Ostsee zwar nicht die gleiche Gewalt, nagen aber ohne Unterbrechung an den Ufern, teils tagelang. Deiche, die – wie an der Nordsee – gerade nicht durchwurzelt sind, geben dann irgendwann wie ein Pudding nach – Beispiel Arnis.
Die Situation nach dem Oktobersturm 2023
Auch, wenn von einer Jahrhundertflut gesprochen wird, müssen wir mit weitaus höheren Wasserständen rechnen.
Die letzte tatsächliche Jahrhundertflut brachte 1872 – also vor 150 Jahren – Pegelstände von 3,30m (über Normalnull). Seitdem ist der Wasserstand bereits um 15cm gestiegen, was bedeutet, dass wir für die Zukunft mit 3,50m rechnen müssen. Der Oktobersturm brachte hingegen nur 2,30m.
Schon dieser Wasserstand hat zu hohen Schäden geführt, Abschnitte der Küste wurden erheblich in Mitleidenschaft gezogen, teilweise sogar zerstört.
Bollwerke aus Stein, Beton und Asphalt hielten entweder stand oder wurden weggespült. Letzteres wird hohe Kosten zur Instandsetzung nach sich ziehen. Woher die Gelder dafür kommen sollen, ist nicht absehbar und wird verhandelt werden müssen. Derweil wurden kaputte Abschnitte nur notdürftig repariert. An diesen Stellen wird gehofft, dass das Frühjahr keinen weiteren Ostwind bringt.
Wie Deiche früher gebaut wurden
Michael Packschies ehemaliger Naturschutzbeauftragter von Eckernförde, hat nach Resten historischer Deiche geforscht und z.B. in Ebeltoft (Aarhusbucht, Dänemark) welche gefunden. Ebenso wird von historischen Deichen in Holland berichtet.
Diese Deiche wurden gebaut, indem man den Strandanwurf (Seegras, Algen, etc.) zusammen mit Sand zu Deichen aufschüttete. Diese Deiche waren zwar von ihrer Höhe her nicht mit den heutigen Deichen an der Nordseeküste vergleichbar, boten aber andere Vorteile:
– Indem man Sand mit dem angespülten Grünzeugs vermischte, wurden sie schnell von Pflanzen besiedelt und mit Wurzeln durchwachsen. Dadurch waren diese Deiche gut davor geschützt, durchweicht und weggespült werden – ein Problem das heutige Deiche bei längerem Hochwasser haben.
– Zwar konnten solche Deiche bei extremem Hochwasser überspült, aber kaum weggespült werden, was zur Folge hatte, dass weniger Wasser ins Hinterland floss als bei einem Deichbruch.
– Auch die Schäden nach Hochwasser, meist Ausspülungen am Fuß, konnten leicht repariert werden, indem man Löcher mit dem gleichen Sand/Treibselgemisch verfüllte.
Zum Verständnis: Der reine Strand ist mager, bzw. Wüste. Selbst Pionierpflanzen wie Strandhafer haben es schwer. Vermischt man hingegen Sand mit Treibsel so entsteht ein reichhaltiger Nährboden. Versuche in Eckernförde und Wackerballig (Geltinger Bucht) haben gezeigt, dass aus solchen Mischungen innerhalb von Wochen die ersten Pflanzen wachsen und innerhalb einer Wachstumsperiode flächendeckend bewachsene Dünen entstehen können.
Welche Vorteile Seegrasdeiche haben
Durch die Schichtung oder Vermischung von Sand mit Seegras/Algen entstehen Dünendeiche, die von Wellen viel langsamer ausgewaschen werden als reine Strände.
Insbesondere Seegras braucht, um zu verrotten, fünf bis zehn Jahre, aber auch Großalgen helfen, den Sand zu halten, indem sich alles miteinander verdichtet.
Das entstehende Wurzelwerk hält das Ganze zusätzlich zusammen. Anlaufende Wellen können anfangs zwar Sand auswaschen, ihre Energie wird aber von freigelegtem Wurzelwerk gebrochen.
Dünendeiche können – indem man immer wieder aufschichtet – mit dem Meeresspiegel wachsen. Das ist sehr viel günstiger, als Deiche neu bauen, verbreitern oder erhöhen zu müssen.
Nach Hochwasser ist es mit wenig Mühe und wenig Kosten möglich, Schäden auszubessern.
Welche Beispiele es schon gibt
Bereits vor acht Jahren hat man am Strand von Eckernförde damit angefangen, Stranddünen auf diese Weise zu bauen. Wie man sehen kann, haben sie selbst dem Oktobersturm getrotzt. Nähere Angaben dazu kann Michael Packschies machen.
Auch das vor sechs Jahren gebaute Treibselherz in Eckernförde (beim griechischen Restaurant) hat überlebt.
Hier ein Film über den Bau des Treibselherzes (ab Minute 56:24):
www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL25kci5kZS8xNDk1XzIwMjItMTEtMTYtMTUtMDA
Zusammen mit der Georg-Asmussen-Schule in Wackerballig habe ich 2015 das Projekt „Schöner Strand“ durchgeführt, indem wir ähnlich vorgingen. Auch hier haben sich die Dünen bewährt.
Bei einem Spazergang an der Küste kann man zudem vielfach sehen, dass der Spülsaum an Stellen, wo Treibsel liegt, weniger ausgewaschen wird, als dort, wo er blank liegt.
Nach dem Oktoberhochwasser kann man zudem überall Dünen sehen, die zwar ausgefranst aussehen, insgesamt dem Wasserdruck und -sog aber standgehalten haben.
Welche Küstenabschnitte infrage kommen
Seegrasdeiche sind kein Allheilmittel. Nur dort, wo es Sand und Treibsel gibt, macht es Sinn.
Ausgeschachtete Abschnitte wie Häfen oder Stadtgebiete ohne sandiges Vorland müssen weiterhin auf die herkömmliche Art gebaut und unterhalten werden, herkömmliche Deiche wie in Schönberg/Kieler Außenförde ebenso.
Insbesondere aber an den Stränden von Küstenorten wie Flensburg, Eckernförde, Schilksee oder Laboe lässt sich viel erreichen.
Wie die Arbeiten durchgeführt werden.
Es gibt zwei unterschiedliche Arbeiten, die zu tun sind.
1. Entlang des seeseitigen Fußes der Ufervegetation wird ein rund 50cm tiefer Graben ausgehoben, mit Treibsel verfüllt und zum Schluss mit Sand abgedeckt. Dadurch entsteht neues Pflanzenwachstum, das Auswaschungen verringert.
2. Später kann man bestehende Seegrasdeiche nach und nach erhöhen, indem man sie von der Landseite aus mit Sand/Treibsel bepackt. Dadurch wird die Basis verbreitert und eine höhere Krone ermöglicht.
Diese Arbeiten sind mit strandtauglichen Maschinen machbar, meist Trecker mit Baggerschaufel zum Ausheben des Dünenfußes und Greifer für das zu verbringende Treibsel.
Wo Maschinen nicht einsetzbar sind, weil sie zu viel kaputtmachen oder in Naturschutz-gebieten, lassen sich die Arbeiten auch mit Schaufel und Forke bewerkstelligen, wenn man dazu eine Kolonne einsetzt, z.B. ehrenamtliche Strandgärtner.
Die Durchführung solcher Maßnahmen sollte den Gemeinden und ihren Bauhöfen aufgetragen werden, da diese sich sowieso um den Strand kümmern.
Die Arbeiten sollten kontinuierlich laufen, was heißt, dass man Treibsel an einer geeigneten Stelle sammelt und im Frühjahr zu Beginn der Wachstumsperiode verbringt.
Dort, wo Treibsel fehlt, sollte auch anderes organisches Material eingesetzt werden können, z.B. Grünschnitt, Erde, Kompost, etc.
Durchbrüche für Strandbesucher oder auch den Gemeindetrecker müssen gezielt gebaut werden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Fluttore oder Übergehungen (Bohlenwege).
Beispiel Schleimünde
Schleimünde wurde vom Oktobersturm derart stark beschädigt – obwohl die Küstenschutzanlagen erst jüngst ausgebaut worden waren – dass der Besitzer, die Lighthouse-Foundation, von einem schrittweisen Rückzug bis 2050 ausgeht. Über die Zukunft der befestigten Anlagen muss also noch entschieden werden, wobei klar ist, dass Lighthouse das allein nicht stemmen kann.
Das nördlich von Schleimünde liegende Naturschutzgebiet, ein langer Sandstrand, wurde überspült, teils abgeflacht und von den Wellen neu gestaltet. Die Gefahr besteht, dass das Profil mit weiteren Stürmen immer weiter versandet, wodurch zukünftige Hochwasser leichter in das Hinterland und die Schlei eindringen könnten. Die Gefahr ist schlicht, dass die Schlei immer schneller vollläuft.
Nachteil ist, dass hier kaum Treibsel ankommt, es also von anderen Stränden geholt werden müsste. Auch bliebe die Frage, wie man die Einfahrt der Schlei sichern will. Ehrliche Stimmen haben hinter vorgehaltener Hand bereits aufgegeben.
Ganz anders sieht es auf der Südseite von Schleimünde aus. Der seit den 50ern bestehende Marinehafen von Olpenitz hat anscheinend den nordwärts laufenden Sandstrom abgebremst. Das Wasser ist daraufhin weit raus flach, plus: Auch das Treibsel bleibt an der Mole von Olpenitz hängen. Hier hätte man also Sand und Treibsel, die man anderswo verbringen könnte, weil das Hinterland der Dünen von Weidefeld Wiesen sind, wo ein Brackwassereinfluss weit weniger dramatisch ist als in bebautem Hinterland.
Beispiel Schönhagen
Die Uferpromenade von Schönhagen wurde vom Oktobersturm fast komplett zerstört. Asphaltblöcke und Gehwegplatten lagen auf dem Strand, der mehr einem Geröllfeld glich. Hier könnte man die gesamte Uferlinie durch Dünendeiche sichern. Allerdings kommt in Schönhagen kaum Treibsel im Spülsaum an, so dass auf andere Dünger (Rasenschnitt, Kompost etc.) zurückgegriffen werden müsste – oder das Treibsel aus Weidefeld geholt werden müsste, wofür schwere Maschinen ungefähr zwei Kilometer am Strand lang fahren müssten. Verkraftbar?
Beispiel Eckernförde
Die Stadt Eckernförde hat neben einem langen Strand weitere neuralgische Probleme, die bei Hochwasser dazu führen, dass die Stadt, die zum Teil auf Meeresniveau gebaut wurde, vollläuft. Dazu gehören die Hafenanlagen und die Kanalisation.
Die von Michael Packschies initiierte Düne beim Ruderverein (zwischen OIC und Kurverwaltung) hält seit zehn Jahren und hat auch dem Oktobersturm standgehalten. Ebenso eine mit Treibsel angelegte Sandburg neben dem Griechischen Restaurant. Sie sind Beispiele, wie es funktionieren kann.
Der Dünensaum, der die Strandpromenade schützt, sollte auf ganzer Länge verstärkt und erhöht werden. Durchbrüche sollten gezielt gebaut und verschließbar sein (Fluttore), noch besser sind Übergehungen.