Die Müllfischer der Schlei


 Vorab ein kurzer Film vom 7. September 2016 (1:30min):


 

2019

Am 20. Februar bekommen wir Besuch von Dagmar Struß vom NaBu und einem Filmteam vom WDR, das einen Beitrag über Plastik in unseren Böden dreht („Böden in Gefahr“, 24. März, 16:30, ZDF). Zusammen gehen wir auf einen Acker am Rand von Kappeln und es bestätigt sich, was der Filmmann vermutet: Wenn man genauer hinguckt, findet man hier und da auf dem Boden Plastikschnipsel.

Dass es tatsächlich legal sein soll, abgelaufene Lebensmittel zusammen mit ihren Verpackungen zu schreddern und beides dann auf landwirschaftlichen Flächen auszustreuen, ist unserer Meinung nach der eigentliche Skandal hinter dem in Schleswig.

Wie kann es sein, dass in dem Land der selbsternannten Recyclingmeister, in dem man jeden anzeigen kann, der Müll ausm Autofenster wirft, Kunststoffe BEWUSST auf den Feldern verteilt werden?

Der Filmmann berichtet zudem, dass Springschwänze, eine kleine Tierart, die ähnlich wie Regenwürmer für die biologischen Umbauprozesse im Boden „zuständig“ sind, aufgrund der Verschmutzung bereits Darmveränderungen aufweisen, also krank sind.

Warum werden überhaupt Käse, Wurst und Hähnchenschenkel auf die Felder gestreut?

Was würden die Vorfahren der heutigen Bauern sagen, wenn sie wüssten, dass diese die über Generationen kultivierten Felder derart blind versauen?

Und was macht es für einen Sinn, Müll aus der Schlei zu fischen, wenn Plastik nicht – wie wir gedacht hatten – aus Versehen ins Gewässer gelangt sondern bewusst und mit der Begründung, dass eine Trennung von Lebensmitteln und Verpackung zu teuer ist?

Unsere Motivation ist derzeit im Keller. Bis auf weiteres werden wir unsere Grundstücksgrenze zur Schlei säubern und abwarten, wie es sich weiter entwickelt. Der Zeitpunkt zu sagen:“ Es reicht!“ rückt jedenfalls näher.

Infos: www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Verpackte-Lebensmittel-Ja-zum-Schredder-Verbot,plastik418.html

 

2018

Im März kommt an die Öffentlichkeit, was Anwohner schon seit Jahren vermuten und was die Jugendlichen des Internats Louisenlund im Sommer 2017 bereits erforscht hatten: In der inneren Schlei bei Schleswig ist das Gewässer voll von kleinen Plastikteilchen. Schnell wird der Skandal deutschlandweit publik, werden hektisch Maßnahmen getroffen, um die Folgen zu minimieren.

Doch trotz allen Aufwands vieler Helfer, die mit Schaufeln Millionen bunte Teilchen in Säcke füllen, ist dem Problem nicht beizukommen. Zwar werden die Strände gesäubert, aber wie soll man fingernagelgroße Partikel aus dem Schilf entfernen, wenn man selbst größere Teile nicht herausbekommt, weil die Vegetation binnen Monaten drüber wächst? Wie viele Partikel liegen in dem modderigen Grund der Schlei?

Über Wochen sind wir Schleibewohner die Trottel der Republik. Für den Tourismus ist das kein Schuss vor den Bug sondern ein Treffer. Wie viele Urlauber entscheiden sich, dieses Jahr lieber woanders hinzufahren? Anstatt die ganze Sache aufzuklären, wird die Verantwortung hinundher geschoben, werden Verträge plötzlich für geheim erklärt. Umweltminister Robert Habeck soll der Kragen geplatzt sein, doch machen kann er jetzt auch nichts mehr.

30 Kilometer schleiabwärts konzentrieren wir uns darauf, die Stelle mit der höchsten Mülldichte – das Ufer von Ellenberg, gegenüber von Kappeln – mit Freiwilligen zu säubern. Von den kleinen Partikeln aus Schleswig finden wir keine, dafür Styropor in Mengen, als hätte da jemand bewusst gebröselt.

Im Juli bekommen wir aus dem Topf der Flensburger Brauerei, die Geld ausschüttet, um Nord- und Ostseestrände von Müll zu säubern, 1200 Euro. Endlich können wir unseren Helfern was bieten, nämlich pro Lebensjahr und Stunde 50cent. So können die Kinder ab sofort Geld verdienen, z.B. ein achtjähriges Mädchen vier Euro pro Stunde. Fast ungläubig sind sie, dass sie für den Spaß jetzt auch noch Geld bekommen. Wir finden allerdings, dass das nur recht und billig ist, immerhin ließe sich der Müll erheblich vermindern, wenn alle nur etwas bewusster mit Plastik umgingen.

Zudem sind wir der Meinung, dass ehrenamtliches Engagement vor allem für bedürftige Menschen da sein sollte: Alte, Kranke, Mittellose, Flüchtlinge und alle, die allein nicht gut zurecht kommen. So wichtig es ist, dass z.B. die freiwilligen Feuerwehren einmal im Jahr die Gräben entlang der Straßen säubern, so sehr ist es doch eine Ausbeutung sich engagierender Menschen, weil ihrem Engagement eine ziemliche Gleichgültigkeit der zuständigen Stellen gegenüber steht. Denn Müll ist eigentlich eine kommunale Aufgabe.

Am 7. September ruft der Rotarier-Club Kappeln zu einem gemeinsamen Müllsammeltag auf. Insgesamt rund 60 Freiwillige in 14 Booten und ein Taucher machen sich an diesem windigen Samstag daran, die Ufer zwischen Lindaunis und Schleimünde – also die halbe Schlei – zu säubern. Abends kommen alle in einem Bootsschuppen in Arnis zusammen und bestaunen ihre Arbeit: Ein ganzer Müllcontainer ist voll, inklusive einem Fahrrad, das so von Muscheln und Pocken überwachsen ist, dass man sagen möchte: „Halt, das ist Kunst, das kann nicht weg.“ Die Aktion, so verspricht der Rotarier Club, soll in Zukunft regelmäßig, einmal im Jahr stattfinden.

Presse:
– Zum Müllskandal in Schleswig: www.spiegel.de/wissenschaft/natur/schlei-mysterioese-verschmutzung-mit-kunststoffabfaellen-a-1198325.html
Müllsammeltag Rotarier: www.shz.de/lokales/schleibote/heute-sind-wir-alle-ein-bisschen-helden-id20976132.html
Die Müllfischer der Schlei: www.ndr.de/fernsehen/Typisch-Der Seegrasmann,sendung817308.html

 

2017

Wir haben die Vermutung, dass sich der Müll entlang der Schlei nicht gleichmäßig verteilt, sondern durch Wind und Strömung verdriftet wird und an Hotspots sammelt. Sollte das stimmen, könnte man diese Hotspots gezielt anfahren und damit effektiver absammeln. Deswegen laufen wir die Ufer stichprobenartig ab und kommen zu folgendem Ergebnis:

Überblick unserer Müllfunde:

 

Legende:

wenig Müll  Wenig Müll: Alle paar Meter findet man etwas.

etwas Müll  Mehr als wenig Müll: Wenn man sich bückt, findet man mehrere Teile.

viel Müll  Viel Müll: Man stellt den Sack ab und sammelt den Müll im Umkreis.

zuviel Müll  Extrem viel Müll: Man möchte verzweifeln, weil die Fundstelle eigentlich abgetragen und entsorgt werden müsste.

Ergänzende Erfahrungen:
– Wir sammeln vor allem Kunststoffe, Metalle und Glas (-flaschen) ein.
– Besonders wichtig scheint zu sein, solche Kunststoffe einzusammeln, die stark „bröseln“ wie Styropor, Küchenschwämme oder geschäumte Teppichreste.
– Rund um Arnis und Kappeln findet man natürlich mehr Müll als entlang der Dörfer wie Winnemark, wo kaum am Ufer gesiedelt wird.
– In Arnis findet man – wohl wegen der Werften – Teppichreste (von Bootstrailern), Schleifpapier, etc.
– Gegenüber der Fischereigenossenschaft Kappeln ist das Ufer voll von Styropor.
– Am Ufer von Ellenberg haben wir sogar zwei Staubsauger gefunden.
– Sollte das Projekt von Dauer sein, werden wir an den Hotspots Müllbehälter aufstellen. Darauf unsere Telefonnummer, damit wir informiert werden können, wenn die Behälter voll sind, um sie dann zu leeren.

Appell
– Wir bitten alle, die sich auf oder an der Schlei bewegen, darauf zu achten, leichte Kunststoffverpackungen nicht herumliegen zu lassen, weil sie bei einer Böe schnell ins Wasser fliegen.
– Der Gebrauch von Styropor für Kühlkisten, Auftriebskörper, etc sollte überdacht werden.
– Aufsteigende Luftballons anlässlich Hochzeiten gehen leider gar nicht und
– Raucher sollten ihre Filter nicht in die Natur schnippen.

Finanzierung
Anfragen nach finanzieller Unterstützung bei den Stadtoberen von Kappeln und Arnis bringen leider kein Ergebnis. „Dafür haben wir kein Geld“, ist die Antwort.

Daraufhin versuchen wir es bei einer Agentur, die europäische Fördermittel verteilt. Das Telefonat verläuft skurril:
„Wieviel Geld brauchen Sie denn ungefähr, Herr Dittmann.“
„Mit 600 bis 700 Euro würden wir erstmal hinkommen.“
„Tut mir leid, wir fördern erst ab 7000.“

Kinder
Daraufhin läuft das Projekt bis auf weiteres im Standgas: Wir sammeln privat und mit Kindern die Ufer ab. Die Kinder entwickeln dabei eine fröhliche Umtriebigkeit wie beim Ostereiersuchen. Sie sind stolz wie Bolle, wenn sie was finden – je größer, je besser.

Insgesamt haben wir bis Ende 2017 rund 40kg Müll, rund einen Kubikmeter, gesammelt. Das ist nicht viel. Wenn man aber jeden Schnipsel mitnimmt, wird klar, wie viel Zeit da hingeflossen. Als wir den Bigbag voll mit grünbewachsenen Teilen zum Recyclinghof fahren, müssen wir – obwohl klar ist, dass der Dreck ausm Wasser kommt – sogar dafür bezahlen.

Mit Kindern der Kirchengemeinde Arnis-Rabenkirchen sammeln wir auf Initiative von Pastorin Jöhnk im Oktober 2017 Müll um Arnis herum und verarbeiten ihn zu „Müllfischen“, die während des Erntedankgottesdienstes in der Kirche ausgestellt werden. Pastorin Jöhnk verweist in ihrer Predigt darauf, dass wir dabei sind, die Schöpfung zu „vermüllen“.

 

2016

Im Sommer 2016, ein halbes Jahr nach unserem ersten Müllspaziergang, gehen wir wieder ans Ufer von Königstein. Jetzt kann man sehen, wie die Vegetation durch den Müll hindurch wächst. Plastiktüten sind nur noch bruchstückhaft vom Boden zu trennen.

Foto Phillip Reiss

Foto Philipp Reiss

 

Plötzlich wird klar, dass Plastik nicht nur Jahrzehnte im Boden verbleibt, sondern nach kurzer Zeit spröde und brüchig wird. Wenn man dieses Ufer reinigen wollte, müsste man den Boden abtragen. Oder andersrum: Sind die Schleiufer eigentlich Sondermüll?

Als Folge gründen wir das Projekt „Die Müllfischer der Schlei“ und gehen damit im August an die Öffentlichkeit:

Schiffstaufe mit Untergang

Am 14 August 2016 veranstalten wir – die Strand-Manufaktur und die Jugendlichen von Arnis – dafür ein kleines Wasserspektakel am Kaffeewagen von Arnis.

Rund 100 Zuschauer erleben die Taufe des rund 70 Jahre alten Schleikahns „Lulu“, den wir vor einem Restleben als Blumentopf bewahren konnten. Mit dazu gehört ein inoffizieler Weltrekord in der Disziplin „Wie viele Menschen passen in einen Schleikahn“. Insgesamt 35 Frauen, Männer und Kinder steigen in das Boot, das vollgepackt noch immer eine Planke Freibord hat. Um die Seetauglichkeit des Bootes, das wir zum Müllsammeln einsetzen wollen, weiter unter Beweis zu stellen, wird Lulu anschließend mit vereinten Kräften versenkt. Als Boot aus Vollholz ohne Kiel, treibt sie „Unterkante Oberkiefer“ bis wir sie wieder leerpützen. Test bestanden.

Nicht nur die Kinder in der ersten Reihe sind begeistert, denn insgesamt kommen 150 Euro in die Kasse.

Ein paar Impressionen:

Ein schöner Sommertag am Kaffeewagen von Arnis, wir erzählen den Zuschauern, vom Projekt „Die Müllfischer der Schlei“.

 

 

 

 

„…und taufe dich nach rund 70 Jahren für dein zweites Leben erneut auf den Namen „Lulu“.“

 

 

 

Inoffizieller Weltrekord in der Disziplin „Wieviele Menschen passen in einen Schleikahn.“ Rund 35- und immer noch eine handbreit Luft (es sind noch mehr eingestiegen als auf dem Foto erkennbar).

 

 

 

Und versenkt werden soll der Kahn, als Spektakel für die Zuschauer. Acht Jugendliche in Neoprenanzügen gehen an Bord und fangen an zu schaukeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

…und wieder alles auspützen.

 

 

 

 

 

 

Das Konzept der Müllfischer sieht vor, zusammen mit Freiwilligen und im Verbund mit einem Katamaran an die Ufer der Schlei zu fahren, also von See aus zu sammeln. Denn an weite Strecken der Uferlinie kommt man von Land aus gar nicht heran. Auch wäre es mühsam, volle Müllsäcke durchs Gestrüpp zu schleppen.

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Foto privat

 

Dieses „Katamafloß“ wurde für die Seegrasernte gebaut, ist 10m lang, 4m breit und hat nur 40cm Tiefgang. Ein Kran kann bis zu 250kg heben, eine Hütte sorgt für Schutz vor Wetter.

Antrieb: 10-PS Viertakt-Außenborder mit Schubuntersetzung
kein Antifoulinganstrich

Kristian Dittmann für Spiegel Wissen fotografiert von Philipp Reiss. Veröffentlichung nur nach Rücksprache.

Foto (auch unten): Philipp Reiss

 

Schleikahn „Lulu“
Länge: 7m, Breite: 1,60m, Tiefgang 15cm
Segel und Ruder als Antrieb
kein Antifoulinganstrich

 

 

 

 

 

 

Mit dem Katamaran (im Hintergrund) fahren wir die Schlei entlang, mit dem Schleikahn dann ans Ufer.

 

 

 

 

Weitere Details des Konzeptes:
– Gesammelt wird ganzjährig bei ruhigem Wetter, aber nur außerhalb der Brutsaion von 15. März bis 15. Juli
– Wir kümmern uns um die östliche Hälfte der Schlei von Lindaunis bis Schleimünde.
– Geldspenden wollen wir – weil die Ausrüstung bereits vorhanden ist – als Aufwandsentschädigung für freiwillige Helfer benutzen. Warum? Weil viele ehrenamtliche Projekte unter schnell nachlassender Motivation leiden, weil wir der Meinung sind, dass Müllsammler von der Gesellschaft entschädigt werden sollten und weil wir Jugendlichen sinnvolle Ferienjobs anbieten wollen.

Presse:
Reportage im Schleiboten (7. September 2016): www.shz.de/lokales/schleibote/muellfischer-in-arnis-ich-will-einfach-sauber-machen-id14763401.html
Shz-Video (7. September 2016): siehe oben.

 

2015

Durch den Umzug von Flensburg in den Barfußpark-Schwackendorf verschiebt sich unser Lebensmittelpunkt Richtung Schlei. Es sind Angler, die berichten, dass an einigen Ufern des Meeresarms Plastik liege, teilweise richtige Mengen, aber nirgends gebe es Mülleimer und es sehe auch nicht so aus, dass sich da irgend jemand drum kümmere.

Eigentlich sollte es ja eine kommunale Aufgabe sein, die Schlei genauso wie Straßen, Wege und Parks vom Müll zu befreien, schließlich profitieren alle von ihrer einladenden Schönheit:  Gemeinden, Anwohner, Betriebe, Ferienanbieter und natürlich die Urlaubsgäste.

Nach einem extremen Hochwaser im Oktober machen wir einen Spaziergang von Kappeln nach Arnis und sehen am Ufer von Königstein folgendes Bild:

Entlang der Hochwasserlinie hat das Wasser eine Vielzahl von Plastikteilen, aber auch einen Kochtopf und Gummifender „abgelegt“.

Anders als an Sandstränden ist der Müll im Schilf erst erkennbar, wenn man nah genug rangeht. Aus der Entfernung hingegen sieht alles so aus, wie in Reisebroschüren beschrieben: pitoresk, ursprünglich, sauber.